Erwin J. Bowien (1899 - 1972)
Das schöne Spiel zwischen Geist und Welt
St. Benedikt
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Vita Erwin Bowien
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Einführung in die Kunst von Erwin Johannes Bowien

Schon die Kindheit des Künstlers stand im Zeichen äußerlicher Widersprüchlichkeiten. Er, der Sohn ostpreußischer Eltern und lebenstüchtiger Fabrikanten und Kaufleute, wuchs, nach einigen Jahren in Berlin, in der weichen Landschaft der fanzösischsprachigen Kantone auf und wurde früh zum Europäer. Man hatte Mühe, einen Menschen als Deutschen anzusprechen, der wohl, wenn er deutsch sprach, es mit der Zungenfertigkeit eines Berliners tat, den man aber, wenn er sich des Niederländischen befleißigte, für einen Amsterdamer halten konnte und den man gar für einen Eidgenossen hielt, wenn er das schöne reine Französisch von Neuchâtel sprach.


Sehr früh erwachte der Wunsch in ihm Maler zu werden. Der Vater, ein vielgereister Architekt und Bauingenieur, der in Zürich ein ostasiatisches Kunsthaus eröffnet hatte, liebte die Gesellschaft, war ein Poet und schlug die Laute. In den Erzählungen des Malers ist vieles von den oft exotischen Besuchen aus Indien, China und Japan eingefangen. Man meint, das Elternhaus in halber Höhe über dem Neuenburger See vor Augen zu sehen und den Wind zu hören, in dem japanische Drachen aufsteigen. Die Mutter versuchte sich in der Malerei. Es haben sich ein paar duftig hingetupfte Landschaften erhalten, die vom Glück jener Jahre überhaucht sind.


Der junge Erwin Bowien aber griff zum großen Vorbild. Das Werk von Hans Thoma, dem der junge Künstler später in Karlsruhe begegnete, wird in seinen ersten Zeichnungen spürbar, nicht minder Ferdinand Hodler, der große Maler und Zeichner des Alpenlandes. Derart angeregte Bilder füllten seine erste Ausstellung im Jahre 1917. Sie gefiel den schweizer Kritikern so gut, dass sie dem jungen Mann herzliche Ermunterung mitgaben. Besondere Beachtung fand das kühne, im vollen jugendlichen Übermut geschaffene Bildnis des Vaters Erich Bowien, eine Gitarre haltend. Krieg und Soldatenzeit beendeten diese Idylle jäh. Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges, den er als Dolmetscher an der Front erleben musste, zog es ihn in den europäischen Schmelztiegel. Während die Familie mit den beiden Schwestern Erika und Ursula in Weil am Rhein nahe der Schweizer Grenze auf die Rückkehr in das verlorene Paradies wartete, zog der junge Maler in die Münchener Kunstakademie ein, um bei Professor Robert Engels die dekorative Wandmalerei zu erlernen. Eine Laune des Schicksals! Robert Engels, der Begründer des Münchener Neo-Impressionismus, stammte aus Solingen, der später entscheidenden Stadt im Leben Erwin Bowiens. Gemeinsam mit seinem Lehrer wurde er auch 1975, also nach seinem Tode, im Solinger Klingenmuseum, dem Ort des heutigen Museum Baden, ausgestellt. Dieses besitzt den künstlerischen Nachlass von Robert Engels. Erwin Bowien lernte von ihm die zuchtvolle Anlage eines Ölbildes, den lastenden Farbaufbau und die Komposition von standbildhaften Menschengruppierungen, die er als Fanatiker des Atmosphärischen und gallischer Clarté zugleich überwand.


Bei Richard Müller in Dresden wollte er weiterstudieren, erfuhr aber nach sechs Monaten das zynischste Lob seines Lebens "Herr Bowien, Sie sind fertig, ich kann Ihnen nichts mehr beibringen…" Soweit so gut, aber der Lehrer fuhr fort: "Haben Sie Geld, dann fangen Sie an". - Dies mitten in der Inflationszeit! Erwin Bowien legte indes in Berlin das Kunstlehrerexamen ab, absolvierte ein Probejahr in Hechingen / Hohenzollern.
Wir sind mitten in seiner ersten großen Schaffensperiode! Diese verbindet sich mit der Bodenseelandschaft, wo der junge Maler mit der Försterfamilie Enzenroß befreundet war, die heute auch das meiste aus jenen Jahren hütet: Schwebende Töne aus Kobaltblau. Dahinein ein Schleier aus unbestimmbarem Rot. Die blütenschwere Landschaft regt zu einer unbestimmbaren Romantik an. Alles in jener Zeit hat einen leicht melancholischen Charme. Der impressionistische Zugriff übt sich in brillanter Artistik. Doch bald wird immer mehr weggelassen. Die spätere Bildökonomie kündigt sich an. Die sensible Einführungskraft bringt die ersten vertieften Portraits hervor. Selbst jähe Begegnungen mit dem Tod, er porträtiert einen jungen Toten, mindert nicht den Rausch der Schönheit. Nichts ist in jener Zeit trocken, nichts bleibt bei reiner Fingerübung. Immer ist Spontanität parat und - hier wieder die Einheit des Widersprüchlichen - ist in Zucht genommen durch romanisches Formbewusstsein und gedankliche Kontrolle zum Meisterwerk gereift. Im Leben Bowiens sollte spürbar werden, wie schwer er an dem Bewusstsein seiner so frühen Vollendung getragen hat. Das erklärt manche Düsternis späteren Schaffens, den mitunter an die Grenze des Zerstörerischen gehenden wütenden Zugriff, die expressiv gewordene Öltechnik des Alters, ohne dass ihm je die Naturbesessenheit dieser Jahre verlorengegangen wäre.


1925 wird Erwin Bowien nach Solingen an das Gymnasium Schwertstraße zum Zeichenlehrer berufen. Damit begann die Freundschaft mit dem Journalisten Hanns Heinen und seiner Familie. Dessen Bergisches Schieferhaus sollte durch Frau Erna Heinen zum Hort der Kultur werden. Ihre Sensibilität, die strahlende Bildungsbreite, ihre Leidenschaft hinzuhören und hinzuschauen, gehörtes in Leben zu verwandeln bewirkte eine nie abgebrochene innige Freundschaft und ließ das Haus Heinen in Solingen zur eigentlichen Mitte im Malerleben von Erwin Bowien werden. Lebenserfüllendes Bewusstsein des Rastlosen, des Mannes, der erst in seinen letzten Lebensjahren heiratete, irgendwo zu Hause zu sein, es wurde bestärkt durch eine Aufgabe, die zu einer Art Testament auswuchs: Er wurde Lehrer von Bettina, des jüngsten von vier Heinen-Kindern. Hätte Erwin Bowien nicht durch sein großes Werk einen bleibenden Namen in der Kunstgeschichte verdient, so würde ihm dieser Platz als Lehrer und langjähriger Mentor von Bettina Heinen-Ayech gebühren! In den Solinger Jahren wird erstmals die Systematik seiner Kunst nachweisbar: dem Bedürfnis zum Zyklischen. So studierte er, erfüllt von Menzel, die Arbeitsvorgänge in einem Solinger Stahlwerk, dabei verlor sich Bowien nicht an das Impressionistische, das schwarze Gewölk, das die Hämmer aus dem Eisen stieben. Ihn fesselte der Stahl, das Lärmende, das Motorische. So haben diese Bilder den Klang des Analytischen. Gleichgültig waren Bowien dabei die Arbeiterdenkmale seiner Zeit - und erst recht die Sentimentalität des Bergischen. Künstler in Solingen zu sein ist indes gleichbedeutend mit dem Zwang, aus Solingen zu fliehen - wenigstens zeitweise. Bowiens Ferienfluchten führten nach Wien, Prag und Böhmen, Venedig und Oberitalien. Eine Apotheose von Bildern in wenigen Wochen! In der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre konnte man Bowien nicht mehr brauchen. Eine Notverordnung brachte ihn ums Brot, die politische Entwicklung ins Exil nach Holland. Die äußere Armut der Hollandjahre ist uns heute nahezu unvorstellbar. Es sind Jahre des Hungers und der Kälte im kleinen Hause in Egmond an den Hof bei Alkmaar, einst Wohnstätte von Descartes. Gleichwohl wird niemals Klage in seinen Schriften dieser Zeit laut. Neben das malerische Werk sind die Publikationen getreten. Diese bleiben jedoch stets Bespiegelung des Malers.


Die nicht selten lebensbedrohende Armut, der Hunger, die Gefahr, in dem wüsten Schneetreiben zu erfrieren, beugten ihn nie zur Resignation. Er, ein lachender Überwinder, zog mit klapprigem Fahrrad aus, als ginge es auf Expedition. Er besuchte die Landleute, streckte die Beine unter Pfarrhaustischen aus, pilgerte zu Käsemärkten, genoss das Ursprüngliche, zog hin und wieder einen Kometenschweif in die Gesellschaft: Der holländische Flottenchef liess sich von ihm porträtieren. Von einem reichen Holzhändler wurde er als Reisemaler zu einer Afrikareise verpflichtet. Im Auftrage der Gemeinde Egmond fertigte er für das Königshaus Graphitzeichnungen aller Kinder, die in der Gemeinde im selben Jahr geboren waren, wie die Kronprinzessin Beatrix. An der Küste Nordhollands entstanden Impressionen der Nordsee, in den flachen Weiten der Niederlande wurde er zum Bauern, der seine Furchen über Bildäcker zog; Furchen als Ausdruck der Ordnung, der Kraft, der Hervorbringung von Frucht. Das erklärt, warum die Pastelle jener Jahre die gewichtsvollen Bilder seines Lebens sind - und die elegantesten zugleich - Einheit aus dem Widersprüchlichen, hier enträtselt sie sich auf das Genialste. In die Hollandjahre fallen auch sein Treffen mit dem französischen naiven Maler André Beauchamps und mit Dirk Oudes, der durch Bowiens Ermunterung zu einem der großen naiven Maler des Landes werden sollte. Erwin Bowiens Charme war nie breit und behäbig; feines Misstrauen schützten ihn, den leidenschaftlichen Menschenfreund, vor der letzten Preisgabe. Nach dem deutschen Überfall auf Holland musste er zurück nach Deutschland. Seine Pfiffigkeit ermöglichte ihm die letzten Kriegsjahre trotz zunehmender Illegalität als einer der wenigen mit voller Integrität zu überleben. Einer Anzeige entging er knapp mit dem Leben und tauchte unter. Die beschlagnahmten Bilder verbrannten in den Bombennächten. Bowien erlebte das Kriegsende im Allgäu. Mit dem ersten Zug kehrte er nach Solingen zurück, um fortan sein Leben zwischen dieser Stadt bei Familie Heinen und Weil am Rhein bei der alten Mutter aufzuteilen.

Die Nachkriegsjahre wurden durch ein Thema beherrscht, welches sinnbildgebend für den aus europäischem Geist wirkenden Künstler ist: Die Darstellung des Rheins von seinen Quellen bis zur Mündung. Es entstanden die wichtigsten Darstellungen rheinischer Dome: des Kölner Doms, der Münster von Breisach und Freiburg, der Domkirchen zu Worms und Speyer, der Münster von Straßburg und Thann. Die Leidenschaft zur Mitteilung von Landschaft, die aus ihren Himmeln lebt und sich auch im fertigen Bild noch fortwährend zu wandeln scheint, verdrängte das Pastell zugunsten einer mitunter an die Grenze zum Wütenden vorangetriebenen Öltechnik. Der Farbauftrag wird pastuos. Dennoch bleibt es nicht beim schnellen Pinselhieb. Alles vibriert; die Konturen dampfen. Die Auswahl seiner Motive scheint manchmal tollkühn. Man spürt Überzeitlichkeit, die aus Handschrift, Empfindung, Traditionsbewusstsein und persönlicher Kultur erwachsen ist. Es ist seine Erwiderung auf das Abstrakte, das mit arroganter Totalität Raum ergriffen hatte und über Jahre hinweg eine Kunst der Naturnähe nicht mehr dulden will. Der Widerstand aber trug Erwin Bowien schließlich in Paris den höchsten äußeren Triumph seines Lebens ein: Ein Kritiker wertete die Pariser Ausstellung als Ereignis, stellte das ihm hier begegnete Werk in die erste Reihe moderner Kunst. Diese Anerkennung erfuhr er leider nur selten in Deutschland. Erschütternd ist das öde Unverständnis, welches er in seiner Heimat durch die Kunstkritik erfuhr! Selbst die gute Meinung war oft nur oberflächlich. Dies stellte harte Anforderungen an den gleichwohl nie an sich zweifelnden Künstler. Er sah sich bestärkt im Fortschreiten seiner Schülerin Bettina. Er erkannte, wie sich in ihr sein Werk und sein Ideal vom Künstlertum verlängerten. Am 25. Juli 1970 heiratete Erwin Bowien Frau Inken Maria Strohmeyer geb. Vogt. Sie war Innenarchitektin und wirkte in Weil als Kunsterzieherin. Er begab sich mit ihr auf seine letzten großen Reisen. Das ließ sein Werk in der Schönheit ausklingen, die den jungen Bowien am Bodensee erfüllt hatte.

Hans-Karl Pesch

Informationen
Bettina Heinen-Ayech
ist die wichtigste Schülerin von Erwin Bowien. Mit diesem Link gelangen Sie zu ihrer Homepage
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Amud Uwe Millies
ist ein weiterer Schüler von Erwin Bowien. Mit diesem Link gelangen Sie zu seiner Homepage.
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pflegt den künstlerischen Nachlass des Malers.
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